WÄHRINGER JÜDISCHER FRIEDHOF

VON BARONEN UND BRANNTWEINERN

Martha Keil

Die Belegung des Währinger Friedhofs spiegelt die gesamte soziale Breite der jüdischen Bevölkerung Wiens im 19. Jahrhundert wider: Bedeutende, sogar geadelte Familien wie Arnstein, Wertheimstein und Todesco sind hier begraben, und am anderen Ende der Leiter Hausierer, Bettler und die verachteten Schnapsbrenner und Schankwirte, die „Branntweiner“, wie sie in Wien genannt wurden. Ihre Herkunftsorte umfassen die gesamte Landkarte der habsburgischen Monarchie sowie viele deutsche Städte.

Schon die Anlage des Friedhofs ist eng mit der allgemeinen Geschichte Wiens verbunden: Die Sanitätsverordnung Kaiser Josefs II. von 1784 forderte aus hygienischen Gründen, Friedhöfe in der Inneren Stadt aufzulassen und außerhalb des Linienwalls, des heutigen Gürtels, anzulegen. Der Friedhof in der Seegasse durfte also nicht mehr belegt werden. Der neue jüdische Friedhof wurde 1784 als Teil des allgemeinen Währinger Friedhofs, heute Währinger Park, gegründet. Er schloss in seiner ursprünglichen Ausdehnung das Areal des „Schnitzlerhof“ benannten Gemeindebaus, Wien 19, Döblinger Hauptstraße 1, ein. Etwa 9500 Gräber beherbergte der Friedhof im Laufe seiner Existenz, von prunkvollen Familiengrüften bis zu einfachsten kleinen Grabsteinen aus Sandstein. Auch die Grabsteingestaltung zeigt in ihrer Bandbreite von traditionellen jüdischen Symbolen bis zu Familienwappen und Jugendstilornamenten das weite Spektrum zwischen Tradition und Akkulturation. Die Benützungsdauer war relativ kurz, nicht einmal hundert Jahre: 1870 plante die Wiener Gemeindeverwaltung die Errichtung eines einheitlichen Kommunalfriedhofs, 1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof mit einer Israelitischen Abteilung eröffnet und der Währinger Friedhof stillgelegt. Bis 1880 erfolgten nur noch vereinzelte Nachbelegungen in Familiengräbern.

Der christliche Teil des Friedhofs wurde in einen Park umgewandelt, einige wenige Grabsteine erinnern noch an dessen ursprüngliche Bestimmung. Nach jüdischem Religionsgesetz ist jedoch der Grabstein ewiges Eigentum des Toten, seine Entfernung verletzt den Totenfrieden. Eine Umbettung der Gebeine ist nur in Ausnahmefällen erlaubt. Um 1900 plante allerdings auch die Israelitische Kultusgemeinde eine Umgestaltung in einen öffentlichen Park. Vermutlich im Zuge dessen schrieben Angehörige der IKG die Grabsteine ab; die etwa 9500 Abschriften fanden sich in 14 großen Kisten in den Central Archives of the Jewish People in Jerusalem wieder.[1] Bis in die 1940er Jahre blieb der Friedhof unverändert, über Pflege und Besuche ist nichts bekannt. Der Friedhof war laut Leopold Moses ein interessantes Forschungsgebiet für Vogelkundler.

Schändung und Zerstörung

Am 8. Jänner 1942 beschlossen die Wiener Ratsherren unter dem Vorsitz von Philipp Wilhelm Jung die Auflassung aller jüdischen Friedhöfe Wiens. Der Währinger Friedhof wurde durch die umsichtige Intervention von Robert Kraus, einem Beamten des Wiener Kulturamts, in eine Grünanlage und ein Vogelschutzgebiet umgewidmet.[2]

Diese an sich günstige Widmung bewahrte den Friedhof und seine Toten jedoch nicht vor Schändung und Zerstörung. Zwischen Sommer 1941 und Frühjahr 1943 erfolgten drei Phasen von Grabzerstörungen und Exhumierungen. Erste Anregungen zu Grabungen auf jüdischen Friedhöfen zum Zwecke „rassenkundlicher“ Forschungen ergingen bereits im Frühjahr 1939 vom Leiter des „Burgenländischen Landschaftsmuseums“ Eisenstadt, Dr. Richard Pittioni, an die Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums. Um insbesondere die Gründungsväter und verdiente Mitglieder der IKG vor Leichenschändung zu bewahren, exhumierte eine Gruppe von Juden unter dem Leiter des Friedhofsamts, Dr. Ernst Feldsberg, in mehreren Etappen ab Juni 1941 die Angehörigen von dreizehn prominenten Familien, darunter Nathan Arnstein, Michael Lazar Biedermann und Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal. Die Gebeine wurden in Einzelgräber am neueren jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs, Viertes Tor, umgebettet.[3] Diese ersten, sozusagen „freiwilligen“ Exhumierungen zum Schutz vor Schändung endeten mit Jänner 1942, vermutlich weil die Gemeinde Wien den Friedhof am 25. 2. 1942 offiziell „arisierte“ und damit weitere Bergungen nicht mehr durchführbar waren. Etwa zur gleichen Zeit, frühestens ab Mitte Juni 1941, erfolgte eine großflächige Beschädigung des Friedhofs: In Befürchtung von Luftangriffen ordneten die Nazibehörden die Anlage eines Löschteichs auf dem zur Döblinger Hauptstraße grenzenden Teil des Friedhofs an. Eine Fläche von 2.500m2 sollte bis zu einer Tiefe von drei Metern ausgehoben und das Erdreich mitsamt Grabsteinen und Knochen auf Straßen und Plätzen Wiens verteilt werden. Die wehrlosen Vertreter der IKG, Dr. Josef Löwenherz, Dr. Heinrich Dessauer und Dr. Ernst Feldsberg, mussten sich schriftlich mit der „Inanspruchnahme des Friedhofes“ einverstanden erklären. Sie erhielten jedoch die Zusicherung, Knochen und Leichenteile einsammeln und wiederbestatten zu dürfen.[4] Ernst Feldsberg und sein Mitarbeiter Otto Spennadel „haben durch zwei Wochen täglich unter Lebensgefahr unter den Baggern die Knochen gesammelt. … Die sterblichen Überreste dieser 2000 Toten wurden in einem Sammelgrab auf dem Zentralfriedhof, IV. Tor, Gruppe 22, bestattet.“[5]

Die seit Frühjahr 1939 bestehenden Exhumierungspläne zum Zweck anthropologischer Forschungen wurden nun in die Tat umgesetzt. Wie aus einem Schreiben von Josef Löwenherz vom 26. Juni 1942 hervorgeht, erfolgte am 31. Mai 1942 die Weisung zur Anlage einer Kartei sämtlicher 8694 am Friedhof bestatteter Personen. Den Auftrag erteilte der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Viktor Christian, an Löwenherz‘ Amtsleiter, Rabbiner Dr. Bernhard Murmelstein.[6] Christian war seit 1933 illegales Parteimitglied und leitete neben dem Orientalistischen Institut der Universität Wien auch die „Lehr- und Forschungsstätte für den Vorderen Orient“ an Heinrich Himmlers pseudowissenschaftlicher Institution „Ahnenerbe“.

Am 3. August 1942 musste Ernst Feldsberg die „Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien“ um Genehmigung von etwa 500 Enterdigungen bitten.[7] In einem Vortrag vom 9. Oktober 1965 in Wien erläuterte er, damals Präsident der IKG, diese Ereignisse:

„Schon vor Errichtung des Löschwasserteiches waren Wissenschaftler des Naturhistorischen Museums in Wien (selbstverständlich geeichte Mitglieder der NSDAP) auf die grandiose Idee gekommen, unter Beweis zu stellen, dass die Degeneration der Juden im Laufe der Zeit nicht nur eine moralische und geistige war, sondern dass die Juden auch körperlich immer mehr degenerieren. Die Beweise sollten in der Weise erbracht werden, dass die Skelette von Verstorbenen familienmässig darauf untersucht wurden, wie die Knochengerüste von Generation zu Generation schwächer werden. … Die exhumierten Leichenreste wurden in grössere Kartons gelegt, die Kartons mit den Namen des Verstorbenen, ihren Geburts- und Todesdaten beschrieben und dann in das Naturhistorische Museum gebracht.“[8] In einer ersten Etappe wurden nun 252 Gräber, in einer zweiten 182 Gräber geöffnet, die dort Begrabenen, prominente wie unbekannte Menschen, wurden auf zwei je 30 Seiten umfassenden Listen namentlich aufgeführt. Bei einigen ist vermerkt, dass sie wegen der Löschteichanlage, Baumwuchs oder zu starker Beschädigung des Skeletts nicht exhumiert werden konnten.[9] Vermutlich hat Ernst Feldsberg selbst diese Berichte erstellt. Die Arbeiten mussten nämlich einige als „Ordner“ angestellte Kultusgemeindemitglieder unter seiner Leitung durchführen, darunter auch zwei Frauen.

Es scheint, dass die Mühen der Erfassung und Bergung der „Forschungsobjekte“ vergeblich waren und dass Viktor Christian aufgrund der Kriegsereignisse und anderer Prioritäten keine Forschungen an diesen Skeletten durchgeführt hat. Im April 1947 erhielt die Kultusgemeinde 220 exhumierte Skelette zur Wiederbestattung am Vierten Tor des Zentralfriedhofs zurück.[10] Seit dieser tiefen Verletzung des Währinger jüdischen Friedhofs, die ja nur ein kleiner Teil der Vernichtungsgeschichte der 180.000 Menschen umfassenden Wiener Gemeinde ist, blieb sein Aussehen auf dem nicht völlig zerstörten Teil beinahe unverändert. Die Gräber verfallen jedoch immer mehr, viele Grabsteine sind umgestürzt, zugewachsene Erdlöcher und Grabvertiefungen machen das Begehen und Arbeiten gefährlich. Seit geraumer Zeit ist das Areal geschlossen.

Der Beitrag wurde im April 2005 verfasst und erschien in Martha Keil, Elke Forisch, Ernst Scheiber (Hg.): Denkmale – Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland . Hg. von Club Niederösterreich, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, S. 54-59. ISBN-10: 3-9502149-0-9. 152 Seiten, zahlreiche Farbfotos, Preis: 32.– Euro. Zu bestellen bei Club Niederösterreich, Frau Rodler: Tel.: 01/533 84 01–13, Fax: 01/533 84 01–20, email: info@clubnoe.at

[1] Ein Forschungsprojekt des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich unter der Leitung von Tina Walzer, in Kooperation mit Shelomo Spitzer von der Bar Ilan Universität ermöglichte die Transkription und Übersetzung einiger hundert Grabsteine sowie die Erstellung einer sozialgeschichtlichen Datenbank zu allen Beerdigten. Siehe www.injoest.ac.at/deutsch/projekte/friedhof_waehring.html Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur finanziert.

[2] Traude Veran, Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. Wien 2002, S. 150, mit der unrichtigen Jahreszahl 1941. Zum Schicksal des Friedhofs in der NS-Zeit siehe Martha Keil, „… enterdigt aus dem Währinger Friedhof“. Der jüdische Friedhof in Wien-Währing während des Nationalsozialismus. In: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 61 (2005), S. 7–20, zur Ratsherrensitzung S. 10, Anm. 10.

[3] Schreiben des Amtsdirektors der IKG Josef Löwenherz an einen nicht genannten Adressaten vom 26. Juni o. J. [1942], Kenn-Nr. G 071114. Archiv Institut für Geschichte der Juden in Österreich (INJOEST), erhalten von Jonny Moser.

[4] Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt am Main 2000, S. 310.

[5] Ernst Feldsberg, „Die Wahrheit ist unbesiegbar“. Maschinschriftliches Manuskript, 1964. Archiv INJOEST, erhalten von Evelyn Adunka, zitiert in Dies., Die vierte Gemeinde. Die Wiener Juden von 1945 bis heute. (= Geschichte der Juden in Wien, hg. vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Bd. 6), Wien 2000, S. 245. Zu Feldsbergs Leben siehe ebda, S. 241-258.

[6] Schreiben von Josef Löwenherz an einen nicht genannten Adressaten vom 26. Juni o. J. [1942], siehe Anm. 3.

[7] Schreiben an die Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien, Abtlg.IV/19, Friedhofsverwaltung, vom 3. August 1942, handschriftliche Signatur VIII/5 – 2b, unterzeichnet mit „Der Friedhofamtsleiter:“. Archiv INJOEST, erhalten von Jonny Moser.

[8] Ernst Feldsberg, „Jüdische Feste und Gebräuche, insbesondere jüdischer Totenkult“. Maschinschriftliches Manuskript für einen Vortrag im Volksbildungshaus Margarethen am 9. 10. 1965; Archiv INJOEST, erhalten von Evelyn Adunka, erwähnt in Dies., Die vierte Gemeinde, S. 245, Anm. 23.

[9] NHM, Anthropologische Abteilung, Inv. Nr. 2601 (Schachtel 193), Signatur B 37203.

[10] Maria Teschler-Nicola, Margit Berner, Die Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in der NS Zeit; Berichte und Dokumentation von Forschungs- und Sammeltätigkeiten 1938-1945. Zum Schicksal des Friedhofs im Nationalsozialismus siehe Martha Keil, „… enterdigt aus dem Währinger Friedhof“. Der jüdische Friedhof in Wien-Währing während des Nationalsozialismus. In: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 61 (2005) 7–20. (Sie finden Informationen dazu über Google, Begriff „Senatsbericht Währinger Friedhof“, HTML Version)